Kunstgerecht - die art gerechte Haltung von Kunst

 

Kunstgerecht

 

Seit Wochen tobt der Streit um die Eigentumsrechte am Kunstschatz, den Zollfahnder und Strafverfolger im Februar 2012 in einer Wohnung des Sonderlings Cornelius Gurlitt konfisziert haben. Der Kunst gerecht wird das nicht.

 

Art gerecht wäre die komplette Präsentation der 1.280 Bilder und Grafiken, von denen viele von den Nazis als „entartet‘‘ eingestuft waren oder verfolgten Kunstfreunden abgepresst wurden. Jahrzehnte blieben diese Meisterwerke in den Wänden der Gurlitts, bis sich noch einmal die deutsche Staatsgewalt ihrer bemächtigte, um sie hinter Schloss und Riegel zu bringen.

 

Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Repräsentanten der Jewish Claims Conference fordern, berechtigte Ansprüche enteigneter Juden zu wahren und ihren Erben die Kunstwerke zurückzugeben. Ein ganz anderer Ansatz wäre es, wenn die Achtung der Artefakte einen Pakt möglich macht: Zuerst gilt es, diese Künstler und ihre Arbeiten zu rehabilitieren, ihre Kunst wieder wahrzunehmen und freizusetzen. Nicht ausgeschlossen, dass noch weitere tausend geraubte und „verlorene‘‘ Bilder in Museen und Hinterzimmern gefunden und „befreit‘‘ werden.

Die Utopie eines solchen Vorhabens ist konkret vorstellbar:

 

1. Die keineswegs verlorene, die neu gefundene Kunst wird nicht weiter unter Verschluss gehalten, sondern in einem Museum gesammelt und ausgestellt. Möglichst viele der Bilder werden zum Betrachten präsentiert. Das weniger Wichtige kann an Bildschirmen abrufbar sein.

 

2. Das Haus der wiederentdeckten Kunst --- nennen wir es „Arche Artis‘‘ --- soll kein Gericht sein, sondern eine Stätte lebendiger Kunstgeschichte. Erkundet wird die Provenienz, die Herkunft der Bilder, ihr Werden und Wirken, ihre Wahrheit. Ein solches Konzept verlangt etwas Ungeheures: Alle, die diese Bilder als ihr Eigentum beanspruchen, Gurlitt eingeschlossen, sollten aus Liebe zur Kunst eine Zeit lang darauf verzichten, sie unverzüglich wieder allein in Besitz zu nehmen.

 

3. Anstelle der Auseinandersetzung um Eigentum, Unrecht, Entschädigung und Verjährung tritt die Frage der Wertschätzung von Kunst in den Vordergrund. Möglicherweise würden deutsche und jüdische Kunstliebhaber Gemeinsamkeiten entdecken, die im Streit um Raub und Rückgabe niemals erkennbar würden.

 

4. Es ist hier von Befreiung die Rede. Die Beraubung der deutschen Museen und jüdischer Familien durch die Nazis, die fragwürdige Weitergabe der Kunst in die Hände der Gurlitts, die spätere Beschlagnahme durch die Sieger und jetzt durch die bayrischen und bundesdeutschen Behörden sind Facetten der Geschichte.

 

Am Ende der Reise der „Arche Artis‘‘ muss die Zueignung an diejenigen stehen, die als legale oder legitime Eigner feststehen oder ermittelt werden. Ihnen ist dann zu überlassen, ihr Eigentum weiter als Leihgaben in Ausstellungen zu präsentieren oder sie doch im privaten Rahmen betrachten wollen.

 

 

5. Zuviel Utopie? Präsident Graumann trat an mit dem Programm, Juden sollten nicht schmollen, sondern fröhlich hierzulande zur Kultur beitragen. Ohne Zweifel gibt es Häuser, in denen ein solches Projekt realisiert werden kann. In Dortmund steht seit 2009 das Museum am Ostwall leer, das zeitweilig in eine Synagoge umgewandelt werden sollte. Andere Städte dürften einem solchen Projekt der deutschjüdischen Verständigung nicht weniger aufgeschlossen sein.

 

Es ist Zeit, den nur an Entschädigung und Wiedergutmachung orientierten Blickwinkel zu verlassen. Ein kulturelles Bemühen um die neue Freiheit der Kunst weitet den Blick für neue Erfahrung: Kunst überlebt nicht nur das Grauen der Vergangenheit. Sie drängt nicht auf Rechtsstreit und sofortige Rückgabe. Sie führt Kunstfreunde zusammen
und inspiriert sie. Auch zum Genuss jüdischer Kunst in Deutschland.

 

Lukas Andel
(Klaus Commer)

Aus: Jüdische Zeitung, Nr. 12 (94/95), Dezember/Januar 2013/14